Die Geschichte des Internets Um die Geschichte des Internets ranken inzwischen die abenteuerlichsten Erzählungen. Weit verbreitet ist zum Beispiel die Version, daß der Internet-Vorläufer ARPANet zum Schutze der militärischen Großrechner der USA gegen Atomschläge eingerichtet wurde. Schuld an diesem Gerücht ist auch der zweideutig definierte Grundauftrag der ARPA: »Die primäre Verantwortung der ARPA soll helfen, die technische Überlegenheit der Vereinigten Staaten von Amerika beizubehalten und gegen unvorhergesehene technologische Fortschritte durch mögliche Gegner zu schützen.« ARPA Im Jahre 1958 richtete das US-Verteidigungsministerium eine Arbeitsgruppe namens »ARPA« (»Advanced Research Projects Agency«) ein, die nach neuen Ideen und Technologien Ausschau halten sollte. ARPA handelte dabei nur als Investor und Koordinator für wissenschaftliche Projekte in Universitäten und Forschungsinstituten, deren Ergebnisse bei entsprechender Eignung dem Militär zu überlassen waren oder alternativ privatwirtschaftlich genutzt werden durften. Der erste Schritt der ARPA in die Informationstechnologie wurde 1962 mit der Gründung des IPTO (»Information Processing Techniques Office«) gelegt, dessen Leitung von Joseph Carl Robnett Licklider übernommen wurde. Licklider war ein Visionär, der schon frühzeitig erkannte, daß Computer nicht nur zu rein wissenschaftlichen Zwecken genutzt werden sollten, sondern in Zukunft dank interaktiver und intuitiver Bedienung immer größere Verbreitung finden würden. Dazu gehörte seiner Meinung nach auch die Vernetzung von Computerpower und er unterstützte viele Pionierprojekte in diese Richtung. Das Gerücht des »Militärnetzes« In vielen Dokumentationen des Internets wird die Geschichte des ARPANets mit einer gleichzeitig stattgefundenen Entwicklung verwechselt: Im Jahre 1964 entwickelte Paul Baran von der Firma RAND Corporation [ http://www.rand.org/ ] für die US Air Force eine neuartige Netzwerkstruktur, das sogenannte Dezentrale Netzwerk. In diesem Netzwerk sollten einzelne Rechner mit mehreren Verbindungen gleichzeitig an anderen Rechnern angeschlossen werden, was ein maschendrahtähnliches Gebilde ergab. Diese Netzwerkstruktur sollte anhand eines paketorientierten Übertragungsprotokolls eine effizientere Datenübertragung ermöglichen. Außerdem (und dies war der interessanteste Punkt für die Air Force) war ein solches Netzwerk gegenüber äußeren Störungen, z.B. Zerstörung einzelner Rechner durch Atomschläge, weit unempfindlicher, da einzelne defekte Datenleitungen nicht unbedingt einen kompletten Zusammenbruch des Netzes zur Folge hatten. Geplant war, die Rechner der Air Force mit solch einem Dezentralen Netzwerk zu verbinden, um einen Betrieb auch bei größeren Ausfällen des Netzes aufrecht zu erhalten. Das Vorhaben wurde jedoch nie begonnen, da das US-Verteidigungsministerium auf eine einheitliche Lösung für die gesamten US-Streitkräfte bestand. Die Idee des Dezentralen Netzwerkes und der paketorientierten Datenübermittlung floß jedoch in ein anderes Projekt ein: Das ARPANet. Das ARPANet Da die ARPA zur damaligen Zeit ein relativ knappes Budget hatte, machte man sich vor der Anschaffung neuer Großrechner Gedanken, da man nicht jeder Forschungseinrichtung einen Großrechner spendieren konnte. 1966 wurde die Idee geboren, die ARPA-eigenen Rechner zu vernetzen und somit einzelne Großrechneranlagen kostengünstig allen angeschlossenen Rechnern zugänglich zu machen. Diese geniale Idee wurde bis Ende 1969 mit dem ARPANet realisiert, daß zunächst vier Forschungseinrichtungen in Los Angeles (University of California), Menlo Park (Stanford Research Institute), Santa Barbara (University of California) und Salt Lake City (University of Utah) über gemietete Telefonstandleitungen miteinander verband. In allen vier teilnehmenden Forschungseinrichtungen standen vier verschiedene und zueinander völlig inkompatible Systemplattformen, so daß ein neuartiger Weg zum Vernetzen gegangen wurde: Man schloß jeden Rechner an einen sogenannten IMP (»Interface Message Processor«) an, der als Zwischenglied zwischen Netzwerk und Rechner diente. Die IMP waren wiederum mit mindestens zwei anderen IMP innerhalb des ARPANets verbunden. Die gemieteten Telefonleitungen hatten eine Bandbreite von 50 kbps. 1970 kamen die Havard University und das Massachusetts Institute for Technology in Boston dazu, 1971 bildeten schon fast vierzig Einrichtungen das ARPANet. Das grundlegende Übertragungsprotokoll im ARPANet war das NTP (»Network Transfer Protocol«), daß eine paketorientierte Übertragung vornahm. Eine Datei wird beim Absender in viele kleine Päckchen zerlegt. Jedes Päckchen enthielt unter anderem Absender- und Ziel- Adresse und wurde einzeln von IMP zu IMP übertragen, die Route wurde je nach aktueller Leitungstopologie von jedem IMP autark bestimmt. Die ersten beiden Dienste im ARPANet waren Telnet und FTP (»File Transfer Protocol«). Mit Telnet wurde es ermöglicht, einen anderen Rechner per Netzverbindung zu steuern und mit ihm zu arbeiten. FTP wurde zur Datenübertragung jeglicher Art genutzt. Mit diesen beiden Protokollen war zwar das bequeme Arbeiten mit entfernten Rechnern möglich, jedoch nicht mit anderen Wissenschaftlern. Es fehlte eine interaktive Kommunikationsplattform, die mit der Erfindung der eMail (»Electronic Mailing«) 1971 schlagartig erschlossen wurde. Innerhalb weniger Monate schoß das Datenaufkommen der versendeten eMails in immense Höhen, Mailinglisten ermöglichten die Bildung von Benutzergruppen. Ab Mitte 1968 trafen sich regelmäßig Mitarbeiter der damals vier teilnehmenden Computerzentren, um ihre Aktivitäten zu besprechen und zu koordinieren. Diese Gruppe nannte sich NWG (»Network Working Group«) und zeichnete für viele Projekte und Dienste des ARPANets verantwortlich. Die NWG war auch Begründer der RFC-Reihe (»Request For Comments«), mit der technologische Fragen und Spezifikationen festgelegt und der Internet-Gemeinschaft präsentiert wurden. Noch heute tragen alle RFC in der ersten Zeile die Kennung »Network Working Group«. Schon nach wenigen Jahren zeigte sich, daß das bisherige Übertragungsprotokoll NTP den Anforderungen nicht mehr gewachsen war. Gerade die Integration von verschiedensten Netztechnologien war nahezu unmöglich, weshalb Anfang der siebziger Jahre verstärkt nach einer neuen Übertragungstechnik geforscht wurde, die ebenfalls paketorientiert arbeiten sollte. Dazu wurde 1973 von der IPTO das »Internet Program« ins Leben gerufen, das ein einheitliches Übertragungsprotokoll entwickeln sollte, damit verschiedenste Netze unter einem einheitlichen Protokoll arbeiten und miteinander verbunden werden konnten. Das Ergebnis war TCP (»Transmission Control Protocol«), das für die fehlerfreie Paketübertragung sorgte, indem der Versand jedes Pakets überwacht wurde. Zu Beginn war TCP auch für die Adressierung im Netz zuständig, erst 1980 wurde für die Adressierung ersatzweise das leistungsfähigere IP (»Internet Protocol«) eingeführt. Das Netz der Wissenschaft Ende der siebziger Jahre entstand das Problem, daß nur die wenigsten Akademien für Computerwissenschaften an das ARPANet angeschlossen waren, da nur Akademien einen Anschluß bekamen, die auch Forschung für die ARPA betrieben. Aus diesem Grund trafen sich im Mai 1979 Vertreter von sieben großen Universitäten, um über die Einrichtung eines eigenen Datennetzes zu diskutieren. Als Ergebnis wurde von der staatlichen NSF (»National Science Foundation«) das CSNet (»Computer Sciences Network«) gestartet, das allen Universitäten mit computerwissenschaftlichen Akademien offenstand. Im Laufe der Zeit wuchs auch das Interesse von Wissenschaftlern aus anderen Fachbereichen, so daß 1984 das CSNet zum TCP/IP-basierten NSFNet umgewandelt wurde, zu dem alle US-Universitäten und deren Wissenschaftler Zugang hatten. Eine Besonderheit des NSFNets war, daß es auch Ressourcen des ARPANets mitbenutzte. Dafür durften Teilnehmer des ARPANets auch die Rechner im NSFNet benutzen. Das Ende des ARPANets Schon 1974 versuchte die ARPA, das ARPANet in private Hände abzugeben, da die organisatorischen und finanziellen Möglichkeiten langsam aber stetig der ARPA über den Kopf wuchsen. Auch machte sich das US-Verteidigungsministerium über die Offenheit des ARPANets Sorgen, da auch militärische Anlagen im ARPANet zugänglich waren. Diese Sorge wuchs, als auch das NSFNet Zugriff auf das ARPANet hatte. Deshalb trennte man 1983 das ARPANet in zwei Teilnetze: Das erste Netz behielt den Namen ARPANet und das zweite wurde das MILNet, daß alle militärischen Einrichtungen verband und den gesamten militärischen Datenverkehr übernahm. Da die angeschlossenen Netze immer weiter wuchsen und das NSFNet immer mehr Funktionen des ARPANets übernahm, beschloß die ARPA 1990, das inzwischen äußerst organisations-, pflege- und kostenintensive ARPANet-Projekt einzustellen. Das ARPANet hörte auf zu existieren, jedoch war die Philosophie und die Technik des ARPANets fest im Internet verankert. Dienste, Dienste, Dienste Die darauffolgenden Jahre waren geprägt von der Entwicklungsfreudigkeit der Wissenschaftler und engagierten Nutzer, die das Internet nutzten. Insbesonders der eMail-Verkehr nahm immer mehr zu und ermöglichte eine weltweite Zusammenarbeit von Arbeitsgruppen. Ein Schattendasein führte in den ersten Jahren nach seiner Erfindung z.B. das IRC (»Internet Relay Chat«). Mit IRC konnte man nahezu in Echtzeit Texte zwischen mehreren Personen austauschen, die alle an einem IRC-Server-Netz angebunden waren. Dank fehlender Öffentlichkeit betrieben nur wenige Universitäten IRC-Server, dementsprechend klein waren die Benutzerzahlen. Ein weiterer, wichtiger Schritt zum universellen Kommunikationsnetz war die Entwickung des Dienstes Gopher: Gopher ermöglichte es, reine Textdateien hierarchisch auf einem Server anzulegen und herunterzuladen. Doch erst ein anderer Dienst eröffnete das Internet für die breite Öffentlichkeit: Das WWW. Das Internet bekommt Farbe Genau diesen Gedanken hatte der Brite Tim Berners-Lee, damals Informatiker am »CERN«, dem Institut für Teilchenphysik in Genf, als er im März 1989 einen neuartiges Hypertextsystem für das hauseigene Intranet vorschlägt: Das World Wide Web bietet eine gut durchdachte Bedienoberfläche, die mit speziellen Programmen, den Browsern angezeigt werden kann. Besonders hervorstechend sind die Fähigkeiten des WWW, Text, Grafik, Töne und Videos zu multimedialen Präsentationen zu verbinden. Eine weitere Neuerung stellen die Hyperlinks dar, mit denen aus jedem WWW-Dokument zu einer anderen Ressource im Internet verwiesen werden kann. Erstmals ist es möglich, ohne größeres Fachwissen einen Dienst zu bedienen und eigene Informationen aufzubereiten und im Internet zu veröffentlichen. Die breite Öffentlichkeit kommt Gerade durch den neuen »Medienstar« World Wide Web erregt das Internet in der Öffentlichkeit ungeahnte Aufmerksamkeit. Der Boom beginnt ab März 1991, 5 Monate nach Einführung des World Wide Webs, als Fachmagazine und Tageszeitungen immer regelmäßiger über das Internet und insbesondere das WWW berichten. In rasend schnellem Tempo schießen Online-Dienste und ISP (»Internet Service Provider«) aus dem Boden, die den Markt entdeckt haben, preisgünstig einen Zugang zum Internet zu verkaufen, während die Werbewirtschaft das World Wide Web als ideale Werbeplattform entdeckt. Das »Web« breitet sich immer mehr aus und entwickelt sich zum am weitesten verbreiteten Dienst im Internet und überholt im Laufe des Jahres 1996 das Datenaufkommen aller FTP-Verbindungen. Doch die Entwicklung geht weiter: Besonderes Augenmerk wird dem NC, dem »Netzcomputer« geschenkt, der kein eigenständiger Computer mehr ist und seine Software direkt aus dem Internet bezieht. Auch ein vorrangiges Ziel ist die Telefonie und das Telefaxen über das Internet, daß ebenfalls den endgültigen Durchbruch des Internets bescheren könnte. Immense Kosteneinsparungen wären hier das Ergebnis, da keine teuren Fernverbindungen mehr zum Telefonieren aufgebaut werden müßten, sondern die bestehende Infrastruktur des Internets genutzt werden kann. Auch die vernetzte Waschmaschine muß kein unsinniger Traum bleiben, denn auf die Weise könnte z.B. die Betriebssoftware vollautomatisch immer auf dem aktuellsten Stand gehalten werden. Das Internet ist auf dem besten Wege, immer unentbehrlicher für das tägliche Leben zu werden.